Bericht

Buntgut Tuttlingen: "Sprache und Nähen"

Herein, wenn es ein Schneider ist!
         "Sprache und Nähen" - Buntgut in Tuttlingen

In der Auslage des Schaufensters in einer Seitenstraße der Tuttlinger Fußgängerzone eröffnet sich dem geneigten Textilliebhaber ein bisweilen recht ungewohntes Bild: Babykleidung an einer Schnur quer durch den Raum drapiert, Schürzen, Taschen und Körbe in bunter Vielfalt und stylischen Designs fallen im Vorbeischlendern sogleich ins Auge und wecken die Neugier genauer zu erfahren, was hier eigentlich vor sich geht. Es ist nicht das typische Schaufenster einer Modeboutique mit streng inszenierter Ordnung der Dinge, sondern die kreative Anordnung und Gestaltung der Gegenstände, die fasziniert und interessierte Passanten einen Augenblick verweilen lässt. 

-War dieser Flaschenkorb etwa wirklich einmal eine Krawatte?- 

Im ehemaligen Möbel-Ausstellungsraum des Diakonieladens Kaufkultur findet sich das Upcycling-Projekt "Buntgut" wieder, das von der Caritasregion Schwarzwald-Alb-Donau in Tuttlingen betrieben wird. Eine Nähwerkstatt mit angeschlossenem Vertrieb bietet dort Flüchtlingen und Einwanderern im Rahmen der Aktion "Sprache und Nähen" zweimal pro Woche die Möglichkeit, einer sinnstiftenden und kreativen Beschäftigung nachzugehen und gleichzeitig im alltäglichen Umgang die deutsche Sprache besser kennenzulernen; und auch für bis zu fünf langzeitarbeitslose Menschen kann im Projekt "Buntgut" eine Beschäftigungsmöglichkeit angeboten werden.

"Neben dem Spracherwerb, dem interkulturellen Austausch und der persönliche Begegnung, Aufbau und Pflege von sozialen Kontakten, steht zugleich die Schonung natürlicher Ressourcen im Mittelpunkt dieses Projektes" erklärt Ulrike Irion, Leiterin des Caritas-Diakonie-Centrums Tuttlingen. Denn: 750.000 t Alttextilien werden jährlich in der Bundesrepublik entsorgt und hier in Tuttlingen wird ein, wenn auch kleiner Teil von ihnen aufgewertet und in den Wirtschaftskreislauf zurückgegeben.
 
-Über Beschäftigung zur Sprache und der Umwelt dabei Gutes tun-

Die Teilnehmerinnen von "Sprache und Nähen" sind bereits eifrig am Werk: Sara (18) kommt aus Wardak in Afghanistan und arbeitet gerade an der Gestaltung einer neuen Umhängetasche. Auch ihre Schwägerin Zahra (22) sitzt konzentriert gebeugt über ihre neueste Arbeit an der Nähmaschine weiter hinten im Raum neben einem Regal voller bunter Garnrollen und Textilstücke. Beide Frauen sind vor Krieg und Terror geflohen, die seit mehreren Jahren in ihrer Heimatregion mit unverminderter Härte wüten.

Zarah and der NähmaschineZahra (22) aus Afghanistan beim Nähen an der MaschineSebastian Sohn

Sara erzählt, dass sie großen Spaß an ihrer Arbeit hat und sich wohlfühle mit den anderen Frauen, dass sie, seitdem sie hier herkommen kann, viel dazulernen konnte, das Nähhandwerk und gleichzeitig die deutsche Sprache.

Ihr gegenüber steht Faith-Akinkunmi-Adehuwa (31) aus Ogun State in Nigeria mit ihrem kleinen Sohn und schneidet mit der Schere Stoffmuster passgenau zurecht.

"Ich bin seit einem Jahr und neun Monaten in Deutschland und muss noch besser deutsch lernen. Ich habe ein kleines Kind und wenn es hier in der Werkstatt keine Betreuung für meinen Sohn gäbe, könnte ich nicht arbeiten. Das wäre richtig schade, denn ich mag meine Kolleginnen und treffe hier viele Menschen, die ich sonst vielleicht gar nicht kennengelernt hätte."

Annika Pohl, Sozialarbeiterin und als Honorarkraft in der Nähwerkstatt angestellt, freut sich daher bereits darauf, ab September 2016 mit der Nähwerkstatt in größere Räumlichkeiten umzuziehen. Denn in der Tat ist die Werkstatt mit den fünf nähenden Frauen und dem Kleinkind, das am Boden mit seinen Bauklötzchen spielt, bereits gut ausgefüllt. "So hätten wir sowohl mehr Raum für die Nähmaschinen-Arbeitsplätze als auch ein eigenes Zimmer für die Kinderbetreuung, das wäre wirklich optimal", so Pohl.

Auch Ulrike Irion befürwortet den Umzug in neue Räumlichkeiten und fasst schlussfolgernd zusammen: "Das Upcycling in Tuttlingen boomt, man kann mit Fug und Recht behaupten, dass das Projekt seit seinem Beginn bis heute eine Erfolgsgeschichte auf vielen Ebenen ist, die hoffentlich noch lange anhält"

Im Sinne der nachhaltigen Integration von Flüchtlingen und Migranten wie Sara und Faith in die deutsche Gesellschaft und den bereits jetzt geschonten natürlichen Ressourcen mag man sich dieser Hoffnung nur anschließen.

Für weitere Informationen zum Upcycling in Tuttlingen steht Frau Irion im Caritas-Diakonie-Centrum zur Verfügung.

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Tel: 07461 969717-0

Email: tuttlingen@caritas-schwarzwald-alb-donau.de