Elvira Di Valentino, Leiterin der Tafel, weiß: "Ohne unsere Ehrenamtlichen würde die Tafel nicht funktionieren."Foto: Schwarzwälder Bote
Doch zuerst gilt es ein Problem zu lösen: Unser Transportfahrzeug, ein Ford Transit, ist nach einer Inspektion noch in der Werkstätte. Deshalb bringt uns die Leiterin der Albstädter Tafel, Elvira Di Valentino, in ihrem Auto zum Sammelfahrzeug in die Kientenstraße. Unsere Rundtour beginnt an diesem Tag also etwas verspätet, und wir legen sofort los, zumal wir zuerst wieder zurück zur Tafel müssen, um die Transportkisten für das Sammelgut einzuladen.
Die Fahrtstrecke ist im Ablauf genau festgelegt: Gottfried Wiehl ist heute als Fahrer, der auch das Fahrtenbuch schreibt, und Hans-Jürgen Häßler als Beifahrer eingeteilt. Insgesamt arbeiten vier ehrenamtliche Fahrerteams bei der Tafel mit. Zuerst steuern wir zwei Märkte in der Theodor-Groz-Straße, den dM- Markt und danach die benachbarte Lidl-Filiale, an. Nach Anmeldung an der Kasse werden wir in die großen Lagerhallen der Märkte geführt, wo in Kisten gestapelt eine breites Angebot an Obst, Gemüse, Drogerieprodukten und auch Süßwaren bereitsteht. Wiehl und Häßler erkennen schon beim Beladen mit geschultem Blick in Sekundenschnelle, was noch verwertbar ist und was nicht. Schon leicht verdorbene Ware wird gleich vor Ort aussortiert.
Danach verlassen wir Ebingen, und als wir die Meßstetter Steige hochfahren, kommt mit jedem Höhenmeter mehr die Sonne zum Vorschein. "So schön und trocken ist es leider nicht jeden Tag", sagt Wiehl. Auch bei Schmuddelwetter und Schneegestöber seien sie unterwegs, und das sei manchmal ganz schön stressig. In Meßstetten gelangen wir zu Lidl, wo viel Obst bereitsteht, und danach zu Aldi, wo heute auffallend viele Pilze, Gemüse und auch wieder kistenweise Obst – von Trauben, über Äpfel bis zu Kiwis und, nicht alltäglich, auch blühende Topfblumen in den geräumigen Transit geschoben werden.
Auf dem Parkplatz kommt eine Frau auf uns zu und erklärt, dass in der Unterdigisheimer Kirche St. Maria drei große Tüten mit gespendeten haltbaren Lebensmitteln bereit stünden. Spontan entscheiden meine beiden Begleiter, die Tour zu ändern und nach Unterdigisheim zu fahren, wo die Tüten neben dem Regal für die Gesangbücher zur Abholung am Kircheneingang warten.
Auf der Weiterfahrt über Lautlingen zurück nach Ebingen erzählt Hans -Jürgen Häßler, dass er mittlerweile seit fünf Jahren, einmal pro Woche, als Fahrer oder Beifahrer bei der Albstädter Tafel mitarbeitet. Früher, so der rüstige 71-Jährige, habe er sich in der Pfarrgemeinde in Laufen engagiert und habe – als ehemaliger Postbeamter inzwischen im Ruhestand – bei der Tafel angefangen. Und noch keinen Tag bereut.
Die Motivation: Helfen und Lebensmittel retten
Was hat ihn motiviert? "Mir ist es im Leben bisher immer recht gut gegangen, und ich möchte deshalb jetzt etwas zurückgeben und mich insbesondere für jene Menschen einsetzen, die nicht so viel Glück hatten wie ich." Ihm sei es wichtig gewesen, auch nach dem Berufsleben aktiv zu bleiben und sich sozial zu engagieren, sagt Häßler. Gottfried Wiehl pflichtet ihm bei und beteuert, dass auch er das so sieht. Bei ihm sei noch ein anderer Beweggrund ausschlaggebend gewesen: "Dass Millionen Tonnen Lebensmittel jedes Jahr in Deutschland im Müll landen, ist ein beispielloser Skandal", sagt er und zeigt auf einen Karton, gefüllt mit nahezu makellosem Paprika. Er sieht seine Arbeit bei der Tafel, einen Tag pro Woche in Albstadt und einen Tag bei der Sigmaringer Tafel, als seinen bescheidenen Beitrag, wertschätzender mit Nahrungsmitteln umzugehen. "Es gibt mir ein gutes Gefühl, wenn ich noch gute Lebensmittel vor der Tonne retten und sie Bedürftigen in unserer Gesellschaft zugänglich machen kann", sagt der 65-jährige ehemalige Lehrer und Schulleiter.
Inzwischen sind wir wieder in Ebingen und steuern den Aldi-Markt in der Weststadt und danach die Netto-Filiale in der Kantstraße an. Auch dort läuft das Prozedere in gleicher Weise ab und die oftmals schweren Kisten mit Drogerie- und Hygieneartikeln – und wiederum diverses Obst und Gemüse – füllen das geräumige Fahrzeug von vorne bis hinten. Auch hier füllt Beifahrer Hans-Jürgen Häßler den obligatorischen Lieferschein aus, so dass nachvollziehbar wird, was wo abgeholt worden ist.
Ein Kraftakt steht uns noch bei "Metro" im Ehestetter Weg bevor: Dort sind es Großgebinde mit Nudeln, Reis, dazu Milchprodukte wie Käsegroßpackungen und Joghurt, aber auch Fleisch-, Fisch- und Wurtwaren, die verstaut werden müssen.
Nach der neunten und an diesem Vormittag letzten Station, dem Aldi-Markt in der Sigmaringer Straße, geht es zurück zur Tafel, wo die Waren alle sofort ausgeladen und zur weiteren Sortierung, Umverpackung und Etikettierung von sieben Tafelmitarbeitern in Empfang genommen werden. Erst jetzt gönnen sich Gottfried Wiehl und Hans-Jürgen Häßler eine kurze Kaffepause, bevor die beiden um kurz vor zwölf zu einer ähnlich langen Sammeltour in Richtung Tailfingen aufbrechen.
Nach der letzten Fahrt ist lange nicht Feierabend
Danach ist aber noch nicht Feierabend für die beiden: Die ausgesonderten Reste von Obst, Salaten und Gemüse müssen noch zu einem Landwirt zwischen Ebingen und Bitz gefahren werden, wo sie an die Hoftiere verfüttert werden können. Danach wird das Fahrzeug noch nass gereingt und wieder vor der Tafel abgestellt. Etwa 130 Kilometer werden die beiden bei ihrem Tageseinsatz dann zuückgelegt haben.
Elvira Di Valentino ist stolz auf ihre 41 ehrenamtlichen Mitarbeiter, davon 25 Frauen und 16 Männer, ohne die die Albstädter Tafel, deren Träger die Caritas Schwarzwald-Alb-Donau ist, nicht lebensfähig wäre, wie sie versichert. Sie habe größten Respekt vor der sozialen Einstellung und der Leistung dieser Mitarbeiter. "Unsere Fahrerteams wie Herr Häßler und Herr Wiehl sind die Aushängeschilder der Tafel", sagt sie: weil sie den Kontakt zu den Lieferanten hielten, ohne deren Spendenbereitschaft keine Tafel funktionieren könnte.
Als wir uns verabschieden, äußert sie beim Verlassen des Tafelladens den Wunsch, dass weitere Ehrenamtliche hinzukommen, denn jede Hand werde gebrauch – und jeder sei herzlich im Team willkommen.